Chance-Risiko-Verhältnis
Das Chance-Risiko-Verhältnis zeigt, um wie viel das Ziel weiter entfernt ist als der Stop. Für sich genommen entscheidet es nichts: ein System mit 1 : 1 kann profitabler sein als eines mit 1 : 3. Es entscheidet das Produkt aus Verhältnis und Trefferquote. Wir sehen uns die Rechnung an, die Break-even-Trefferquote und den verbreiteten Irrtum vom «mindestens 1 : 3».
Risk reward ratio: wie das Verhältnis gerechnet wird
R/R = (Ziel − Einstieg) ÷ (Einstieg − Stop)
Für einen Kauf: Einstieg 1,0850, Stop 1,0810, Ziel 1,0930. Das Risiko sind 40 Pips, der mögliche Gewinn 80 Pips, das Verhältnis 1 : 2. Geschrieben wird es üblicherweise als «eins zu zwei», wobei die Zwei die Größe des Ziels in Risikoeinheiten ist.
Es kommt auch die umgekehrte Schreibweise vor — das Verhältnis von Risiko zu Gewinn, das für denselben Trade 0,5 ergibt. Beide Formen sind richtig, wichtig ist nur, sie nicht zu verwechseln: bei der einen ist mehr besser, bei der anderen umgekehrt.
Was in der Rechnung unbedingt zu berücksichtigen ist
- Der Spread gehört zum Risiko
- Eine Position wird auf der einen Seite des Spreads eröffnet und der Stop auf der anderen ausgeführt. Bei einem Stop von 20 Pips verschlechtert ein Spread von 1,5 Pips das Verhältnis von 1 : 2,00 auf 1 : 1,79.
- Das Ziel muss erreichbar sein
- Das Verhältnis lässt sich leicht verbessern, indem man das Ziel weiter wegschiebt — aber damit fällt auch der Anteil der erreichten Ziele. Das ist eine Verschiebung des Problems und keine Lösung.
- Nach dem Schließen rechnen und nicht nach der Absicht
- Im Tagebuch wird das tatsächliche Verhältnis der geschlossenen Trades festgehalten: Teilschließungen und Ausstiege per Trailing verändern es gegenüber dem Geplanten.
Das Chance-Risiko-Verhältnis im Forex und die Break-even-Trefferquote
Die wichtigste praktische Anwendung des Verhältnisses ist die Berechnung des Gewinnanteils, bei dem ein System auf null kommt.
Break-even-Trefferquote = 1 ÷ (1 + R/R)
| Verhältnis | Break-even-Trefferquote | Erwartungswert bei einer Trefferquote von 40 % | Erwartungswert bei einer Trefferquote von 55 % |
|---|---|---|---|
| 1 zu 0,5 | 66,7 % | −0,40 R | −0,17 R |
| 1 zu 1 | 50,0 % | −0,20 R | +0,10 R |
| 1 zu 1,5 | 40,0 % | 0,00 R | +0,38 R |
| 1 zu 2 | 33,3 % | +0,20 R | +0,65 R |
| 1 zu 3 | 25,0 % | +0,60 R | +1,20 R |
| 1 zu 5 | 16,7 % | +1,40 R | +2,30 R |
Die Tabelle liest sich so: bei einem Verhältnis von 1 : 2 genügt es, ein Drittel der Trades zu gewinnen, um nicht zu verlieren. Aber der umgekehrte Zusammenhang besteht ebenfalls und wird meist unterschätzt: je weiter das Ziel, desto seltener wird es erreicht, deshalb geht der Übergang von 1 : 2 zu 1 : 5 fast immer mit einem Fall der Trefferquote einher — und ob der Erwartungswert steigt, ist keineswegs sicher.
Warum die Regel «mindestens 1 : 3» in die Irre führt
Die Forderung, nur Trades mit einem Verhältnis von mindestens 1 : 3 zu nehmen, klingt vernünftig und hilft einem Anfänger oft — sie siebt Einstiege mit zu nahem Ziel aus. Als allgemeine Regel ist sie aber falsch, und zwar aus folgendem Grund.
Die richtige Formulierung der Regel lautet: ein Trade wird genommen, wenn der Erwartungswert mit Kosten positiv ist. Ein Verhältnis von 1 : 3 ist ein Sonderfall, der dann praktisch ist, wenn die Trefferquote unbekannt ist.
Geplantes und tatsächliches Verhältnis: warum sie auseinandergehen
Im Plan sieht ein Trade wie 1 : 3 aus, im Tagebuch liegt der Durchschnitt bei 1 : 1,4. Die Abweichung erklärt sich aus vier Ursachen, und jede davon ist messbar.
| Ursache | Was passiert | Wie man sie entdeckt |
|---|---|---|
| Früher Ausstieg aus profitablen Trades | Das Ziel ist nicht erreicht, die Position wurde «sicherheitshalber» geschlossen | Das tatsächliche Ergebnis mit der maximalen Kursbewegung vergleichen |
| Teilschließung | Die halbe Position ist bei 1R geschlossen, das durchschnittliche Ergebnis liegt unter dem geplanten Ziel | Das Ergebnis eines Trades als gewichteten Durchschnitt rechnen und nicht nach dem letzten Teil |
| Verschieben des Stops auf Break-even | Ein Teil der Trades endet mit null statt am Ziel | Eine eigene Kategorie «auf Break-even» im Tagebuch |
| Kosten | Spread und Kommission verringern den Gewinn und vergrößern den Verlust | Das Verhältnis nach den tatsächlichen Ausführungskursen neu rechnen |
Praktischer Schluss: planen muss man nach dem tatsächlichen Verhältnis und nicht nach dem beabsichtigten. Ein System mit geplanten 1 : 3 und tatsächlichen 1 : 1,4 verlangt eine Trefferquote von nicht 25 %, sondern 42 % — und das ist eine ganz andere Anforderung an die Genauigkeit der Einstiege.
Häufige Fragen
Welches Chance-Risiko-Verhältnis gilt als gut?
Eines, bei dem der Erwartungswert des Systems mit Kosten positiv ist. Für eine Trefferquote um 40 % ist das ein Verhältnis ab 1 : 1,5; für eine Trefferquote von 60 % genügt 1 : 1. Einen universell «guten» Wert gibt es nicht — es gibt einen, der zur Trefferquote passt.
Wie rechnet man das Verhältnis bei einer Teilschließung?
Nach dem tatsächlichen Ergebnis: ist die halbe Position bei 1R geschlossen und die zweite bei 3R, ist das Ergebnis des Trades 2R. Genau diesen Wert trägt man ins Tagebuch ein, sonst fallen die Durchschnittswerte zu hoch aus.
Kann man das Verhältnis durch einen kürzeren Stop verbessern?
Formal ja, aber damit wächst die Wahrscheinlichkeit, dass der Stop auslöst: ein verkürzter Stop liegt häufiger im Marktrauschen. Das Verhältnis verbessert sich, die Trefferquote fällt, und der Erwartungswert kann sich sogar verschlechtern.
Was ist R und warum rechnet man das Ergebnis darin?
R ist der Risikobetrag beim Einstieg. Das Ergebnis in diesen Einheiten hängt weder vom Konto noch vom Risikoanteil ab, deshalb führt man die Statistik bequem genau so: «+14R im Monat» liest sich bei jeder Einlage gleich.
Wie nennt man diese Kennzahl richtig?
Im deutschen Sprachgebrauch kommen zwei Varianten vor: «Chance-Risiko-Verhältnis im Trading» und das englische risk reward ratio. Es ist dieselbe Größe — das Verhältnis des Abstands zum Ziel zum Abstand zum Stop.
Wie rechnet man das R/R nach Kursen auf EUR/USD?
Die Niveaus subtrahieren: bei einem Einstieg von 1,0850, einem Stop von 1,0810 und einem Ziel von 1,0930 beträgt das Risiko 40 Pips, das Potenzial 80, das Verhältnis 1 : 2. In Pips zu rechnen ist bequemer als in Kursanteilen: die Zahlen werden ganzzahlig.
Welches Verhältnis ist innerhalb des Tages realistisch erreichbar?
Meist 1 : 1,5…1 : 2. Weiter entfernte Ziele werden innerhalb des Tages seltener erreicht, weil die Tagesspanne begrenzt ist: ein Ziel von 5R auf einem Paar mit einem ATR von 80 Pips verlangt eine Bewegung, die nicht jeden Tag vorkommt.
Wie verändern die Kosten das Verhältnis?
Sie erhöhen das Risiko und verringern das Potenzial. Spread und Kommission in Höhe von 10 % des Risikos verwandeln 1 : 2 in 1 : 1,73 und heben die erforderliche Trefferquote von 33,3 auf 36,7 %. Bei kurzen Stops ist der Effekt stärker.
Rechnet man das Verhältnis nach den geplanten Niveaus oder nach der Tatsache?
Nach dem tatsächlichen Schließen — genau diese Zahlen beschreiben das System. Das geplante Verhältnis ist als Einstiegsfilter nützlich, in die Statistik gehört aber das, was tatsächlich herausgekommen ist.
Wie hängt das Verhältnis mit der Wahl des Zeitrahmens zusammen?
Auf kleineren Zeitrahmen sind die Stops kürzer und die Kosten als Anteil des Risikos höher, deshalb ist das Nettoverhältnis schlechter als das geplante. Auf größeren ist es umgekehrt: der Spread wirkt kaum, aber die Ziele werden seltener und später erreicht.
Kann ein Verhältnis zu groß sein?
Es kann — wenn das Ziel aufhört, erreichbar zu sein. Ein Verhältnis von 1 : 10 bei einer Trefferquote von 5 % ergibt einen negativen Erwartungswert, obwohl es auf dem Papier attraktiv aussieht. Zu betrachten ist das Produkt aus Trefferquote und Verhältnis.